Wie ich den 9. November auf der Bösebrücke erlebte

Erinnerungen des Flying Shark
Bösebrücke
Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA
Zustände wie 1989: Auf der Bösebrücke, am alten Grenzübergang an der Bornholmer Straße, sind sie längst wieder Realität.

Am Sonntag, den 9. November 2014, hatte ich schon am Morgen so ein merkwürdig revolutionäres Gefühl. Und als wir um 19 Uhr an der Bösebrücke zwischen Wedding und Prenzlauer Berg ankamen, da wusste ich, dass irgendwas passieren würde.

Sie wollte unbedingt sehen, wie die Ballons fliegen, und so warteten wir auf der Brücke, und wir warteten lange. Ich nutzte die Zeit zum Nachdenken. Mir wurde klar: In einer besseren Welt bleiben Ballonketten Sache von Promotion-Actions vor Vodafone-Shops oder von Geburtstagspartys bei McDonalds, aber niemand könnte sie als Kunst verkaufen, es sei denn, der Künstler greift zu einer fiesen Finte.

Er könnte zum Beispiel behaupten, die Ballons würden um Punkt 19 Uhr von alleine in die Luft fliegen. In Wirklichkeit aber müssen die Passanten sie selbst losbinden. Dann dürfte sich Folgendes ereignen:

19:00 Uhr: Der große Moment ist gekommen. Die Bösebrücke biegt sich unter der Last der Schaulustigen, die sich zu tausenden auf ihr versammelt haben. Sie zählen den Countdown. Doch es passiert … nichts.

19:34 Uhr: Aus Langeweile kommen die Menschen ins Gespräch. Ihnen wird allmählich klar: Es gibt hier weder eine Toilette, noch eine Fressbude, noch ist eine Scorpions-Coverband angekündigt. Es gibt überhaupt keine Musik. Nicht mal David Hasselhoff lallt ins Mikro.

19:56 Uhr: Langsam werden die Leute nervös. Es liegt eine merkwürdige Spannung in der Luft. Es riecht irgendwie revolutionär. Einige Schaulustige treffen eine Entscheidung. Sie verlassen die Bösebrücke, sie haben noch 19 Minuten, bis der Tatort beginnt.

20:31 Uhr: In die revolutionäre Atmosphäre mischt sich allmählich Wut. Das Gerücht macht sich breit, die Ballons würden vielleicht niemals freigelassen. Ein paar Leute schreiten zur Tat. Hals über Kopf fangen sie an, sich zum zuständigen Veranstaltungsleiter durchzufragen. Ihren Mut schöpfen sie aus der Magie des historischen Moments. Es fallen sogar spitze Bemerkungen über die Organisation. Ein Rentner in einem Schlafanzug brüllt mit hochrotem Kopf, dass das ganze hier von seinen Steuergeldern bezahlt werde. Die Masse fängt an zu skandieren: „Wir sind der Fiskus!“

21:15 Uhr: Die Stimmung kocht. Es wird bereits offen über die Gründung einer Bürgerinitiative nachgedacht.

21:36 Uhr: In einschlägigen Online-Foren ruft der User „Stinkmorchel“ dazu auf, die Ballons einfach loszubinden. „Stinkmorchel“ erntet einen Shitstorm. „Wie viel Respektlosigkeit vor den Opfern der Mauer können wir uns leisten?“, fragen entrüstete User. Günter Jauch twittert, er werde das Thema in seiner nächsten Sendung aufgreifen, zusammen mit den Erdogan-Karikaturen, dem Salafismus und Schumis Reha.

21:56 Uhr: Nun explodiert die revolutionäre Kraft des Volkes endgültig. Die Leute sind genervt, sie sind müde, sie müssen morgen früh im Büro sein. Man beschließt, die Sache für heute zu beenden, aber in Zukunft dran zu bleiben. Die Gründung einer Bürgerinitiative wird nun endgültig beschlossen. Schon in den nächsten Tagen sollen die ersten Fördergeldanträge abgeschickt werden. Bei den ersten Zusammenkünften soll das Buffet vegan sein, so die erste Beschlussfassung. Jeder bringt was mit, aber ohne Kartoffeln. Kartoffeln stammen eigentlich nicht aus dem heimischen Ökosystem, sie sind erst im 16. Jahrhundert aus Südamerika importiert worden. Sie bringen die Fauna aus dem Gleichgewicht, das hat fatale Folgen auch im Hinblick auf den/die sogenannte/n gemeine/n Mistkäfer/in., der/die sich besonders in …

22:01 Uhr: Eine Polizeistreife nähert sich der Bösebrücke. Ein Anwohner hat sich über den Lärm beschwert. Als die Polizisten eintreffen, ist der Platz schon leer.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *